Hitzetote: Sinnvoll oder pseudowissenschaftlich?

Saisonalität der Sterbefälle

Die Sterblichkeit folgt einem klaren saisonalen Muster: Im Winter ist sie hoch, im Sommer vergleichsweise niedrig. In besonders heißen Wochen steigt sie allerdings auch im Sommer sichtbar an. Grafik 1 zeigt diesen Verlauf für Deutschland in den Jahren 2018 bis 2025: die beobachteten wöchentlichen Sterbefälle der Altersgruppe 65+ (Eurostat) zusammen mit der Wochenmitteltemperatur, berechnet aus tagesgenauen Messwerten von 50 bundesweit verteilten DWD-Stationen. Aus der Grafik wird deutlich, dass die größten Ausschläge im Winter liegen - Grippewellen und die COVID-19-Wellen sind als markante Spitzen erkennbar. Hitzewellen, etwa im Sommer 2018 oder 2019, erzeugen dagegen kleinere und kürzere Spitzen.

In den Jahren 2000 bis 2025 entfielen in der Altersgruppe 65+ konstant nur 45 bis 49 Prozent der Sterbefälle auf das Sommerhalbjahr (Kalenderwoche 15–40), aber 51 bis 55 Prozent auf das gleich lange Winterhalbjahr. Selbst im extremen Hitzejahr 2018 starben im Winterhalbjahr rund 65 000 Menschen (65+) mehr als im Sommerhalbjahr. Eine deutlich umfangreichere Analyse für 24 europäische Länder im Zeitraum 2000 bis 2019 bestätigt dieses Bild: Die Sterblichkeit im Winter ist konsistent höher als im Sommer (Rousson et al. 2026). Die hitzebedingte Sterblichkeit ist demnach deutlich schwächer ausgeprägt als die Wintermortalität.

Wie sind Hitzetote definiert und wie werden sie gezählt?

Theoretisch könnten Hitzetote unter dem ICD-Code T67 („Schäden durch Hitze und Sonnenlicht”) in der Todesursachenstatistik erfasst werden. Da es sich in der Regel aber um sehr alte Menschen (80+) mit mehreren gesundheitlichen Einschränkungen handelt, werden die Todesfälle meist anders dokumentiert, z.B. als Herz-Kreislauf-Versagen, Pneumonie oder Ähnliches. Das ist ein generelles Problem der Todesursachenstatistik: Die dokumentierte Todesursache ist bei sehr alten Menschen oft nicht treffsicher. Tatsächlich weist die Statistik unter T67 nur wenige Dutzend Fälle pro Jahr aus (60 Fälle im Jahr 2015).

Stattdessen verwendet das Robert Koch-Institut eine Schätzmethode (RKI-Bericht zur Hitzemortalität). Die Grundidee: Die wöchentliche Sterblichkeit der Sommermonate wird statistisch in Abhängigkeit von der Temperatur modelliert - zusammen mit der Temperatur der Vorwochen, der Saison und dem langfristigen Trend. Aus dem Modell ergibt sich eine Schwelle von rund 19 bis 20 Grad Wochenmitteltemperatur, oberhalb derer die Sterblichkeit ansteigt. Für jede Woche werden dann zwei Werte berechnet: die vom Modell geschätzte Sterblichkeit bei der tatsächlichen Temperatur (z. B. 23 Grad) und die geschätzte Sterblichkeit in einer hypothetischen Welt, in der die Temperatur die Schwelle nie überschritten hätte. Die Differenz der beiden Werte ist die geschätzte Zahl der Hitzetoten.

Ich habe diese Methode mit öffentlichen Daten (Sterbefälle und Bevölkerung von Eurostat, Temperaturen vom DWD) und Claude Code nachgebaut. Das Ergebnis für die Altersgruppe 65+ zeigt Grafik 2: Im Rekordjahr 2018 ergeben sich rund 9 300 hitzebedingte Sterbefälle, in den Hitzesommern 2003, 2015 und 2019 jeweils 6 500 bis 7 500. In kühlen Sommern wie 2011 dagegen fast null. Im Mittel der Jahre 2000 bis 2025 sind es knapp 3 000 pro Jahr. Diese Größenordnungen decken sich gut mit den Veröffentlichungen des RKI. Ich betrachte hier durchgehend die Altersgruppe 65+. Eine zusätzliche Auswertung nur für die über 80-Jährigen liefert fast identische Muster. Das überrascht nicht, denn die 80+-Jährigen stellen rund 60 Prozent der Sterbefälle ab 65 und sogar etwa 80 Prozent der geschätzten Hitzetoten (2018: rund 7 400 von 9 300). Hitzemortalität ist ganz überwiegend ein Phänomen des höchsten Alters.

Hitzetote sind Modellergebnisse, keine gezählten Todesfälle

Andere Sterbefälle, wie beispielsweise Krebssterbefälle, werden gezählt: Für jeden der 230 400 Krebstoten im Jahr 2024 in Deutschland existiert ein Totenschein mit dieser Diagnose. Hitzetote werden dagegen mit einem statistischen Modell geschätzt. Es handelt sich um die Differenz zweier Modellrechnungen: einer davon für eine Welt, die es nie gab. Die Methode ist zwar epidemiologisch etabliert und das Grundsignal (mehr Tote in heißen Wochen) ist unbestreitbar real. Aber die konkrete Zahl hängt an einer Reihe von Annahmen, die man kennen sollte. Darunter sind:

  • Die Schwelle ist eine Modellentscheidung. Der Wert von rund 19–20 Grad wird aus den Daten selbst bestimmt (als Minimum der Temperatur-Sterblichkeits-Kurve). Eine andere Schwelle liefert andere Zahlen. Der Schwellenwert unterscheidet sich zwischen Regionen, Ländern und Zeitpunkten.
  • Die Form des Zusammenhangs ist angenommen. Wie viele Vorwochen einbezogen werden und wie flexibel die Kurven sein dürfen, wird im Modell festgelegt. Wenn man ein sehr starkes Ansteigen der Sterblichkeit annimmt (exponentiell), dann schätzt das Modell bei hohen Temperaturen deutlich mehr Sterbefälle.
  • Die Exposition ist grob gemessen. Eine nationale Mitteltemperatur trifft niemanden exakt. Selbst bei einer regionalen Auswertung ist es schwierig zu sagen, wer den hohen Temperaturen tatsächlich direkt ausgesetzt ist. Außerdem handelt es sich um Mittelwerte und eine Hitzewoche kann durchaus kältere Tage beinhalten.
  • Vorgezogene Todesfälle werden nicht unterschieden. Das sogenannte “mortality displacement” wird nur innerhalb der drei Vorwochen berücksichtigt. Es ist aber denkbar, dass nach einer Hitzewoche im Juni mit vielen Sterbefällen eine zweite Hitzewelle im Juli oder August zu weniger Sterbefällen führt, weil es weniger Personen unter Risiko gibt.
  • Die Datengrundlage des Modells ist entscheidend. Im epidemiologischen Bulletin von 2022 wird noch zwischen Sterbefällen durch COVID-19 und durch Hitze unterschieden. Demnach wurden die COVID-19-Sterbefälle aus der Datengrundlage entfernt. In einer neueren Ausgabe von 2025 geschieht dies nicht mehr. Stattdessen wird eine flexiblere Kurve für die Modellierung verwendet. Infolgedessen sind Zeittrends der geschätzten Anzahl der Hitzetoten schwierig zu interpretieren.

Hitzetote sind also keine harte Zählgröße, wie es die Schlagzeile „X.000 Hitzetote im Sommer” suggeriert.

Relevanz für Gesundheit und Langlebigkeit

Wie groß ist das Phänomen nun im Verhältnis? In der Altersgruppe 65+ sterben in Deutschland derzeit rund 860 000 bis 920 000 Menschen pro Jahr. Die geschätzten Hitzetoten machen davon im Mittel etwa 0,4 Prozent aus, selbst im Extremjahr 2018 waren es gut ein Prozent. Zum Vergleich: Die Wintermortalität übersteigt die Sommermortalität Jahr für Jahr um ein Vielfaches dieser Zahl, ohne dass „Kältetote” eine vergleichbare mediale Rolle spielen.

Noch deutlicher wird die Relevanz beim Blick auf die großen Determinanten von Gesundheit und Lebenserwartung. Die Forschung zeigt seit Langem, dass Gesundheit und Sterblichkeit stark mit dem sozioökonomischen Status zusammenhängen. Zwischen der niedrigsten und der höchsten Einkommensgruppe liegen in Deutschland mehrere Jahre Lebenserwartung, bei Männern bis zu 8,6 und bei Frauen 4,4 Jahre (Lampert et al. 2019). Bildung, Einkommen, Arbeitsbedingungen und soziale Teilhabe wirken über das gesamte Leben und über alle Todesursachen hinweg. Ihr Effekt auf die Langlebigkeit ist wesentlich größer als der von Hitzewellen.

Deshalb halte ich den großen öffentlichen Fokus auf Hitzetote für falsch gewichtet. Er lenkt Aufmerksamkeit und politische Energie auf eine Stellgröße, die wir national kaum beeinflussen können. Die Sommertemperaturen in Deutschland hängen am globalen Klima, nicht an deutscher Politik. Bildungschancen, sozioökonomische Sicherheit und die Qualität der Versorgung dagegen sind durch nationale Politik unmittelbar gestaltbar und dort ist der gesundheitliche Hebel nachweislich am längsten. Wer Lebensjahre gewinnen will, findet sie eher in Schulen, Löhnen und Pflegestrukturen als im Wochenmittel der Temperaturkurve.

Hitzeschutz ist trotzdem sinnvoll

Nichts davon spricht gegen Hitzeschutz. Die Kritik richtet sich gegen die Kommunikation und Gewichtung der Zahlen, nicht gegen die Prävention. Die Betroffenen sind klar identifizierbar (hochaltrige, vorerkrankte, oft alleinlebende Menschen sowie Pflegebedürftige), und die wirksamen Maßnahmen sind einfach und günstig - beispielsweise Hitzewarnsysteme, Trinkpläne und kühle Räume in Pflegeheimen.

Hitzetote sind Modellschätzungen mit erheblicher Unsicherheit und im Vergleich zu Wintermortalität und sozialen Gesundheitsdeterminanten ein kleines Phänomen. Inwieweit sich ein wärmeres Klima auf die Sterblichkeit auswirkt, ist schwierig vorherzusagen, da ein wärmeres Klima zu weniger Sterbefällen in den nun milderen Wintern führen könnte (Burkart et al. 2021). Die negativen Auswirkungen von unzureichender Bildung, einem schlechten Gesundheitssystem und wirtschaftlichem Abstieg auf die öffentliche Gesundheit sind hingegen eindeutig. Zugleich ist es richtig, alte und kranke Menschen in heißen Wochen besser zu schützen. Für Ersteres braucht es ehrliche Einordnung der Zahlen, für Letzteres keine Schlagzeilen, sondern funktionierende Hitzeschutzpläne.




Enjoy Reading This Article?

Here are some more articles you might like to read next:

  • Sunset calculations with astral
  • MCP Server - Spotify and Claude
  • Wasserstein distance - Analysis using HMD data
  • Wasserstein distance
  • Kite surfing, summer 2025